Die etwas angerostete Job-Lokomotive
Ich weiß, dass dies bei vielen Schülerinnen und Schülern eher die Ausnahme ist, aber vielleicht gibt es doch den ein oder anderen, der sich durchaus den Luxus gönnt, in die Buchhandlung zu gehen, um sich Literatur für die Erstellung einer Bewerbungsmappe o. ä. zu kaufen.
Umso größer der Ärger, wenn man feststellen muss, dass das neu herausgegebene Werk dann doch nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen entspricht.
Als ich Ende letzten Jahres für einen Ordner mit dem etwas urigen Titel “Die Job-Lokomotive” käuflich erworben hatte, sah ich, dass das Muster-Anschreiben längstens nicht mehr den gültigen DIN-Normen entsprach. Der vom Juventa-Verlag 2007 neu herausgegebene Ordner mit Kopiervorlagen will ein Trainingsprogramm für Jugendliche sein und beinhaltet viele gute Vorlagen und Textbausteine. Entstanden ist dieser Ordner mit Hilfe der Hamburg-Mannheimer-Stiftung “Jugend & Zukunft”.
Doch ausgerechnet das Muster, welches ich gerne in der Schule eingesetzt hätte, stimmte vorne und hinten nicht mehr.
Fehler 1:
Wie üblich, befindet sich die Adresse des Empfängers (des Betriebs etc.) im linken, oberen Text-Teil, genau über der Betreff-Zeile. Nun wird hier, wie es 2005 noch richtig war, eine Leerzeile zwischen Straßennamen und Ortsbezeichnung eingefügt.
Doch inzwischen haben wir 2008: Diese Leerzeile ist seit der neuen DIN 5008 (also seit Mai 2005) nicht mehr gestattet. Es darf also keine Leerzeile mehr dazwischen stehen. Im Übrigen verzichtet dieses Muster auf die Angabe einer (seriösen) Emailadresse. Wer eine brauchbare besitzt, die auch noch (für potenzielle Arbeitegeber) vorzeigbar ist, sollte diese heute durchaus mit angeben. Natürlich ist dies kein “Muss”, aber aus meiner Sicht ein notwendiges Minimum, um zu zeigen, dass man auch mit modernen Medien umgehen kann.
Fehler 2:
Die Angabe “Musterstadt, den 18.10.2006″ bitte so nicht mehr verwenden. Stattdessen schreiben Sie schlicht: “Musterstadt, 18.10.2006″ oder noch einfacher: 2006-10-18 (Musterbrief nach der DIN 5008)
Fehler 3:
Das Anschreiben wird mit dem folgenden Satz eingeleitet:
“Sehr geehrter Herr Hunstig,
bezugnehmend auf das Ausbildungsangebot…”
Mein Eindruck ist der, dass es sich hier um eine veraltete Ausdrucksform handelt. Im Duden finden wir den Hinweis, dass dieser Begriff aus der “Amtssprache” bzw. “Kaufmannssprache” stammt. Doch was hat (veraltete?) Amtssprache in einem Anschreiben eines (jungen) Bewerbers zu suchen? Nichts! Also mein Tipp: Suchen Sie sich besser einen zeitgemäßen Begriff, eine Formulierung, die zu Ihnen passt. Sonst laufen Sie Gefahr, zu hölzern zu klingen, was Sie sicher nicht möchten (es sei denn, Sie sind wirklich hölzern).
(Optischer) Fehler 4:
Wörter wie “sowie” und “Ausbildung” werden im Mustertext getrennt. Es ist sicher schöner für’s Auge, diese Begriffe nicht zu trennen, sondern im Ganzen zu lassen.
Fehler 5:
Ob der Bewerber seinen “voraussichtlichen” Schulabschluss (Neudeutsch: Bildungsabschluss) nennen mag, ist ebenfalls nicht ohne Weiteres anzuraten:
“Voraussichtlich” klingt, so wusste mir ein kompetenter Berufsberater aus seiner jahrelangen Berufspraxis heraus zu sagen, sehr unsicher. Man muss also versuchen, als Bewerber die Arbeitgeber-Logik zu durchschauen. Besser ist es, “voraussichtlich” (z. B. auch im Lebenslauf) komplett wegzulassen oder zu umschreiben mit “angestrebter Schulabschluss…”. Arbeitgeber möchten eher sichere Bewerber, die keinen Zweifel darüber haben, ob Sie Ihren gewünschten Schulabschluss auch erreichen.
Fehler 6:
Zeilenabstände: Verwendet wird hier der einzeilige Abstand. Dadurch wirkt der Text sehr “gedrungen”. Auflockern kann man das Anschreiben, das ohnehin nur ca. fünf bis ca. acht Sätze umfassen soll, dadurch, dass man z. B. im kostenlosen OpenOffice-Textprogramm unter “Format” - “Absatz” - “Einzüge und Abstände” unter “Zeilenabstand” “1,5zeilig” anklickt.
Mein (kurzes) Fazit:
Der Ordner ist sicher durchaus zu empfehlen, wenn man von kleineren Schwächen absieht. Es wäre jedoch wünschenswert, eine Aktualisierung vorzunehmen, um die beschriebene Mängel zu korrigieren, denn immerhin sind 59,- € auch nicht wenig.
Gruß,
Silvio Ströver, Dipl-Pädagoge
Zu bestellen gibt es diesen Ordner u. a. hier:
http://www.weltbild.de/artikel.php?WEA=8002820&artikelnummer=12327391&mode
=art&PUBLICAID=924cd762423cf19950f6db66a5e9a29c
bzw.
http://www.amazon.de/Job-Lokomotive-Trainingsprogramm-
Berufsorientierung-Jugendliche-P%C3%A4dagogisches/dp/3779921359
oder hier:
http://www.buch.de/buch/14249/
618_die_job_lokomotive__paedagogisches_training.html
bzw. hier:
Am 12. Februar 2008 um 19:32 Uhr
Interessant, Punkt 1 war mir bislang unbekannt - gilt das dann auch für Umschläge?
Am 12. Februar 2008 um 21:54 Uhr
Auf die Gestaltung von Umschlägen habe ich so gut wie keinen Einfluss mehr. Kommt allerdings ein Schüler damit auf mich zu, rate ich zum Adress-Aufkleber mit einem klaren Schriftbild. Es sieht nämlich nicht so schön aus, wenn die Empfänger-Adresse handschriftlich auf den Umschlag geschrieben wird. (Aber natürlich ist auch gegen eine schöne Handschrift nichts einzuwenden. Nur,… wer hat sie?!)Bisher habe ich diese DIN aber auch für den Umschlag angewendet…
Am 14. Februar 2008 um 18:21 Uhr
Hm, ich schreibe derart wichtige Umschläge für gewöhnlich in Druckschrift. Das ist dann wohl die Zwischenlösung
Am 14. Februar 2008 um 21:14 Uhr
Stattdessen schreiben Sie schlicht: “Musterstadt, 18.10.2006″ oder noch einfacher: 2006-10-18
Die letztere Schreibweise ist zwar ISO-konform, aber ich glaube, daß es noch lange dauern wird, bis sie sich durchgesetzt hat.
Ich kann mir vorstellen, daß das bei etwas konservativeren Chefs eher für Verwundern sorgt als den Gedanken auszulösen “Super! Der hält sich ja genau an DIN 5008/EN 28601/ISO 8601! Den stelle ich bevorzugt ein.”
Am 14. Februar 2008 um 21:33 Uhr
Ich weiß…
Aber dennoch: Aus der Praxis heraus weiß ich, dass witzigerweise nicht wenige Schüler gerade diese neue Schreibweise (einfach so?) übernehmen (und auch erfolgreich mit ihrer Bewerbung waren).
Am 15. Februar 2008 um 09:09 Uhr
Das ist natürlich begrüßenswert.
Der Standard wurde ja auch nicht aus Spaß an der Freude eingeführt, sondern, damit es endlich einen weltweit einheitlichen Standard gibt (und man als Programmierer nicht immer zig Sonderfälle abfangen muß).
Ich wundere mich nur darüber. Aus der Computerwelt bin ich es gewohnt, daß neue Standardsaus Prinzip erst mal ein paar Jahre lang ignoriert werden, bevor sie jemand ernst nimmt.