Die Kunst, eigene Fähigkeiten zu entdecken und zu benennen!
20. Juli 2008Es fällt vielen Bewerbern schwer, sich über eigene Stärken und Fähigkeiten klar zu werden. Zusätzlich haben sie Probleme, erkannte Potenziale angemessen zu beschreiben. Dagegen weiß man oft sehr genau, welche Schwächen man hat und wo die Defizite sind. Es ist kein Wunder, dass Vorstellungsgespräche daher oft als Horror empfunden werden. Doch wie kann ich ‘gesund’ für mich werben? Wie schaffe ich es, einen positiven Eindruck zu hinterlassen?
Gerade junge Bewerber verfügen logischerweise nicht über die Erfahrung und über das Können eines Menschen, der schon einige Jahre erfolgreich beruflich tätig ist. Daher ist es wichtig, gute Schulnoten und möglichst zwei, drei Praktikumszeugnisse vorweisen zu können. Der ein oder andere arbeitet vielleicht ehrenamtlich im Sportverein oder ist im Umweltschutz aktiv. Auch das sollte sich die junge Bewerberin bzw. der Bewerber bescheinigen lassen.
Oftmals haben Schüler nicht daran gedacht, sich ein kleines, nettes Zeugnis ausstellen zu lassen. Doch wenn das letzte Praktikum nicht allzu lange her ist, gebe ich Ihnen den Rat, einfach noch einmal dorthin zu fahren und freundlich darum zu bitten, dass man Ihnen nachträglich noch ein Zeugnis ausstellt. Idealerweise hat man Sie in bester Erinnerung, ansonsten schadet es nicht, auf einem Zettel Ihren Namen, den Zeitraum des Praktikums, evtl. den Namen des Praktikumsbetreuers und eine kurze Tätigkeitsbeschreibung zu notieren, um dem Betrieb eine kleine Erinnerungsstütze zu geben. Je größer der Betrieb, desto unwahrscheinlicher, dass man noch weiß, was Sie im Praktikum geleistet haben.
Eine kleine Übung kann sehr hilfreich sein, sich zusätzlich bewusst zu machen, worin man seine Stärken hat. Es fällt schwer, sich von den üblichen Kategorien gedanklich wegzubewegen. Oft denken Schüler nur an ihre Schulfächer, wo sie ihre Zweien und Einsen habe und meinen, mit den typischen Floskeln (”ich bin zuverlässig, flexibel, teamfähig…”) ins neue Praktikum oder in die neue Ausbildungsstelle zu kommen. Doch im Vorstellungsgespräch werden gerade diese Begriffe hinterfragt: “Was meinen Sie mit ‘flexibel’?” “Was verstehen Sie unter ‘Teamfähigkeit’?”u. s. w.. Bei diesen Floskeln kommt es darauf an, nicht zu viele von ihnen zu verwenden und diese durch konkrete Beispiele belegen zu können. Beispielsweise kümmern Sie sich um den Fußball-Nachwuchs oder haben in der Schulklasse die Aufgabe des Klassensprechers übernommen, was Sie glaubwürdiger macht, wenn Sie von “Teamfähigkeit” sprechen.
Doch es ist nützlich, sie einfach mal einen Zettel zu nehmen und all die Dinge aufzulisten, die man gerne tut, die Spaß machen, die zeigen, dass man Erfolg darin hat. Es geht erst einmal nicht darum, zu sehen, was sofort direkt eins-zu-eins beruflich verwertbar ist, sondern, spontan all das aufzulisten, worin man aufgeht, seine Freude hat und wo man sich entwickelt. Die eine schreibt gerne Gedichte ( schreibt gut), der andere kennt sich mit bestimmten Computerspielen (computertechnisch begabt) aus. Ein anderer sammelt gewisse Modellautos (ordnungsliebend, behält den Überblick…), eine andere wiederum spielt hervorragend ein Musikinstrument (musikalisch talentiert).
Eine wichtige, andere Methode, seine Stärken und Fähigkeiten benennen zu können, besteht darin, einfach sein Umfeld danach zu fragen. Es gibt die Möglichkeit, sich einige Fragen selbst auszudenken oder in der Literatur oder im Internet nach Fragebögen Ausschau zu halten, die man lediglich kopiert bzw. ausdruckt.
Einige Fragen könnten lauten: “Wie siehst Du mich?”, “Was kann ich besonders gut?”, “Wie würdest Du mich in drei Sätzen beschreiben?” “Bitte kreuze an: Ich bin eher ‘ruhig’, ‘aktiv’ oder ‘total lebhaft’?”, “Welchen Spitznamen würdest Du mir geben?”, “Wenn Du Webung für meine Person machen müsstest, mit welchen fünf Worten würdest Du mich charakterisieren…?”, “Was zeichnet meine Kreativität aus?”… diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wer sich die Mühe macht und etwas mutig ist, befragt z. B. auf diese Weise einige Freundinnen bzw. Freunde, Familienangehörige oder wen auch immer.
Überlegen Sie sich auch einmal, wofür Sie zuletzt (konkret!) gelobt wurden! Seien Sie nicht traurig, wenn Ihnen spontan nichts einfällt. Wir sind es häufig gewohnt, Lob zu vergessen und sich stattdessen eher unangenehme Dinge zu merken.
Egal, was Sie im Einzelnen über sich (und die Sichtweise anderer) herausfinden werden, Sie beschäftigen sich mit Ihren kleinen oder großen Erfolgsgeschichten! Sie merken vielleicht, dass Ihr Hobby doch mehr von Ihnen an Kreativität und Ausdauer abverlangt, dass Sie in der Lage sind, sich scheinbar mühelos in eine neue Materie hineinzuarbeiten! Und plötzlich sind Sie schon ein echter Profi und Experte!
Das Dumme ist oft, dass junge Leute dazu neigen, zu sagen, dass”das doch nichts Besonderes” sei, “das könne doch jeder”. Doch machen Sie sich klar, man erwartet nicht von Ihnen das, was andere nach vierzig Berufsjahren können! Man erwartet von einem jungen Menschen eben, was einen jungen Menschen idealerweise auszeichnet: Begeisterung, etwas Idealismus, und erste konkrete Erfahrungen in dem einen oder anderen Bereich. Dafür, dass Sie (noch) jung sind, müssen Sie sich also nicht entschuldigen. Und niemand wird erwarten, dass Sie neben der Schule und der ersten Praktika noch wer weiß was Großartiges (z. B. den Nobelpreis) präsentieren können! Doch das, was Sie vorweisen können, sollten Sie souverän - beispielsweise im Vorstellungsgespräch - benennen können!
Es schadet auch nicht, sich mehrfach zu bewerben, um die Möglichkeit zu nutzen, vielleicht zwei, drei oder mehr Vorstellungsgespräche mitzumachen. Nehmen Sie es sportlich und bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie solche Gespräche strukturiert sind etc. Absagen kann man zur Not immer noch. So haben Sie aber die Chance, verschiedene Betriebe und Einrichtungen mal von innen her kennenzulernen! Nur, wer vergleichen kann, kann auch für sich das Beste auswählen! Immerhin betteln Sie nicht um eine Stelle, sondern bieten Ihre wertvolle Arbeitskraft und Engagement jeweils (als Schüler-Praktikant,als Ausbildunsplatzsuchender, als studentischer Praktikant, als Berufseinsteiger, als beruflich erfahrener Bewerber etc….) an.
Nutzen Sie das Bewerbungsgespräch, um sich nicht nur selbstbewusst (nicht übertrieben!) zu präsentieren, sondern auch, um sich über den potenziellen Praktikumsbetrieb bzw. über den möglichen Arbeitgeber zu informieren. Brave “ja-Sager” haben vielleicht in manchen konservativen Betrieben eine Chance, aber besser ist es, ein klares Profil (von sich) anbieten zu können, denn allen kann man es nie recht machen.
In diesem Sinne viel Erfolg,
Silvio Ströver, Dipl.-Päd.