Archiv der Kategorie ‘Studie‘

Wozu Pädagogik studieren?

Dienstag, den 1. April 2008

Eine Frage, der ich vor einiger Zeit (Sommersemester 2001) nachging und folgende Schlussfolgerung dokumentierte:

“Möglicherweise besitzen gerade Studenten /-innen der Pädagogik eine höhere Ambiguitätstoleranz und effektivere Konfliktlösungskompetenz als andere Menschen. Ideelle Werte („Helfersyndrom“) werden eher weniger genannt, sodass sachliche, finanzielle, organisatorische und pragmatische Gründe gewichtiger einzuordnen sind, als z. B. karikative, humanistische oder christliche Beweggründe.”

Hier gibt es weitere Informationen zu meiner empirischen Erkundungsstudie:

http://paedblog.de/2006/08/30/wozu-paedagogik-studieren

Gruß,

Silvio Ströver, Dipl.-Pädagoge

Praktisch wertlos?

Freitag, den 28. März 2008

Werden Praktikantinnen und Praktikanten in Deutschland systematisch ausgenutzt? Es sieht jedenfalls so aus: Nach Abschluss einer beruflichen Ausbildung haben - nach einer neuen Studie zufolge - nur 37 % der Praktikanten eine angemessene Vergütung erhalten. Danach zu urteilen, wird der Großteil der Berufsanfänger als kostenlose bzw. billige (und oft auch willige) Arbeitskraft missbraucht.

Der Begriff “Generation Praktikum” existiert also völlig zurecht, wenn es um diejenigen geht, die versuchen, nach der Ausbildung oder Studium beruflich Fuß zu fassen. Meiner Ansicht nach müsste so etwas schnellstens und natürlich zugunsten der lernwilligen Praktikanten verändert werden.

Dazu gibt es aus meiner Sicht zwei denkbare Varianten: Entweder kehrt in der Wirtschaft Vernunft und Einsicht ein, sodass sich das beschriebene Problem von alleine löst; oder die Betroffenen versuchen, den Missstand mit geeinten Kräften selbst zu lösen. Beispielsweise kann ein Schritt sein, eine Petition zu unterschreiben, um die Politik dazu zu bringen, sich dieser Thematik anzunehmen.

Es wird sich zeigen, wie diese Problematik zu lösen ist. “Gerechtigkeit” gibt es auch in dieser Sache nicht per se (automatisch), man muss sich alles demokratisch erarbeiten. Es ist entweder die Frage, wer “stärker” ist oder aber, ob es nicht doch dazu kommen kann, dass beide Parteien (Praktikanten UND Wirtschaft) an einem (guten!) Strang ziehen.

Wer Interesse hat, die neue Studie einmal selbst zu lesen, kann sich die Pdf-Datei dazu auf der Webseite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales herunterladen:

http://www.bmas.de/coremedia/generator/25036/property=pdf/

2008__03__18__ergebnisbericht__junge__berufseinsteiger__lang.pdf

Gruß,

Silvio Ströver, Dipl.-Pädagoge

Faires Praktikum (für faire Praktikanten)

Montag, den 3. März 2008

Ein faires Praktikum, wer wünscht sich das nicht? Es ist leider nicht selbstverständlich, einen angemessenen Praktikumsplatz zu finden. Wer als Praktikant nur kopieren oder Kaffee kochen darf und eher als billige oder gar kostenlose Vollzeit-Arbeitskraft ausgenutzt wird, sollte sich schnell nach einem “fairen Praktikum” umsehen.

Ich kenne aus meiner Berufspraxis heraus auch die Sprüche, wie z. B. “ich hab kein Bock auf Kaffee kochen…” Doch manchmal steckt auch eine generelle Unlust dahinter, am liebsten überhaupt kein Praktikum machen zu wollen. Es ist daher wichtig, solche vorschnellen Aussagen auch zu hinterfragen. Dann stellt sich heraus, dass manch einer zu bequem ist, mal ein paar zusätzliche Stationen mit der Straßenbahn zu fahren: “Da muss ich ja zehn Minuten eher aufstehen…”. Eine andere Praktikantin in spe träumte vielleicht davon, als Rechtsanwaltsfachangestellte in der berühmtesten Anwaltskanzlei der Stadt zu arbeiten und war daher schwer enttäuscht, dass es sich bei der von mir vermittelten Stelle doch nur um eine ganz durchschnittliche Geschichte handelte. Und es gibt immer wieder Kandidaten, die doch meinen, drei Tage vor dem Praktikumsbeginn die schönste und beste Praktikumsstelle der Welt von mir einfordern zu können. Nach einem ernsten - aber fürsorglichen - Gespräch weise ich dann darauf hin, dass die Welt leider nicht (immer) auf sie wartet und mache ihnen klar, dass sie nur noch zwei Chancen haben, überhaupt eine Stelle zu bekommen: Da muss man sich in der Tat auch mal in die Vororte bewegen, wo ein Praktikant eher selten hingelangt, weil das Geschäft abseits des Hellwegs oder der Hauptstraße liegt. Oder sie müssen mit einer ganz kleinen Filiale vorlieb nehmen, die noch nie zuvor einen Praktikanten gesehen haben.

Das kann durchaus eine Chance für “spätaktive” Praktikumsplatzsuchende sein: Sie lernen den Alltag im Dorf kennen, ohne ständig durch den Großstadtlärm von der Arbeit abgelenkt zu werden. ;-) Gleichzeitig werden nicht wenige Erstpraktikanten wie Könige behandelt, weil das kleine Geschäft bzw. der kleine Betrieb auch sehr vorsichtig mit dem Schüler umgeht. In einem Fall erlebte ich es, wie ein Blumenladen so begeistert von seiner allerersten Praktikantin war, dass man ihr gleich eine Ausbildungsstelle anbot.

Doch, und jetzt komme ich wieder auf die Fairness zu sprechen, kommt es aber auch oft ganz anders als gedacht:
2005 beschrieb Jessica Sturmberg im “Morgenecho” des WDR5 in einer Artikelserie “Hürdenlauf zum Hungerlohn” anhand einiger Dortmunder Beispiele (Quelle siehe unten), wie schwierig es auch für gut ausgebildete Fachkräfte ist, nach dem Studium eine (bezahlte) Arbeit zu finden.

Natürlich gibt es auch darüberhinaus weitere, zahlreiche Publikationen und Meldungen zum Schlagwort “Generation Praktikum”:

BUNDESMINISTERIUM für Arbeit und Soziales: Forschungsberichte: Praktika in Deutschland.
http://www.generationpraktikum.de/Generation-Praktikum/Navigation/

Service/stand-der-forschung,did=192388.html
BUNDESMINISTERIUM für Arbeit und Soziales: Forschungsberichte: Praktika in Europa. http://www.generationpraktikum.de/Generation-Praktikum/Navigation/

Service/stand-der-forschung,did=191914.html

BRIEDIS, Kolja; MINKS, Karl-Heinz (April 2007): Generation Praktikum – Mythos oder Massenphänomen? http://www.his.de/pdf/22/generationpraktikum.pdf oder: http://www.sueddeutsche.de/imperia/md/content/karriere/generationpraktikum.pdf

DEIß, Matthias (RBB/Tagesschau: 28.11.2007/15:00 Uhr): Junge Menschen haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. (Video) http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video241320.html

DGB-Jugend: Generation Praktikum. Wie man gute Arbeit für wenig Geld bekommt. http://www.dgb-jugend.de/themen/generation_praktikum

GRÜHN, Dieter; HECHT, Heidemarie (Februar 2007): Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsformen von Hochschulabsolventinnen und -absolventen. (DGB) http://www.boeckler.de/pdf/fof_praktikum_2007.pdf

MONSTER.de (22.01.2007): Nur ein faires Praktikum ist ein gutes Praktikum.
http://berufsstart.monster.de/12101_de-de_p1.asp

SUEDDEUTSCHE.de (12.04.2007): Die Mär von der “Generation Praktikum”
Eine erste bundesweite Studie räumt auf mit dem Bild der “Generation Praktikum”: Schlecht bezahlte Praktika nach dem Studium sind danach keinesfalls ein Massenphänomen - im Gegenteil. http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/artikel/715/109606

Wer sich die Mühe macht, diese Links anzuklicken, um sich einen ersten Überblick über diese Thematik zu verschaffen, wird merken, wie kontrovers die Diskussion um den Begriff “Generation Praktikum” verläuft. Ob es früher wirklich “besser” war oder ob heute extrem übertrieben wird, sei dahingestellt. Es möge sich jeder ein eigenes Urteil darüber bilden. Zumindest hat es dazugeführt, dass die Zeitschrift “Junge Karriere” bereits im Oktober 2004 ein Gütesiegel der besonderen Art einführte: Unternehmen, die nach ganz bestimmten Kriterien ein “faires Praktikum”anbieten, erhalten eine Auszeichnung, die sich sehen lässt.

2008_03_03_guetesiegel_faires_praktikum_.jpg

“Fair” soll heißen:

“Fair Companies…

  • substituieren keine Vollzeitstellen durch Praktikanten, vermeintliche Volontäre, Hospitanten o.ä.
  • vertrösten keinen Hochschulabsolventen mit einem Praktikum, der sich auf eine feste Stelle beworben hat,
  • ködern keinen Praktikanten mit der vagen Aussicht auf eine anschließende Vollzeitstelle,
  • bieten Praktika vornehmlich zur beruflichen Orientierung während der Ausbildungsphase,
  • zahlen Praktikanten eine adäquate Aufwandsentschädigung.”

Quelle: Zitiert nach http://www.karriere.de/psjuka/fn/juka/SH/0/sfn/

buildjuka/bt/2/cn/cn_decision/aktelem/PAGE_2133/page1/

PAGE_6/page2/PAGE_2133/site/PAGE_4/home/0/url//index.html

Auch die SPD will, laut eines Spiegel Online-Artikels (Jochen Leffers) (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,533602,00.html) vom 06.02.2008, das Problem endlich lösen und dort anknüpfen, wo Müntefering im Herbst 2006 nicht mehr weiterkam. Es scheint so, als ob wieder Bewegung in die Sache käme, was nur zu begrüßen wäre.

Um das Ganze zu beschleunigen, zeige ich Praktikantinnen und Praktikanten eine gute Möglichkeit auf, sich mit für ein faires Praktikum einzusetzen, denn nur, wer sich bewegt, bewegt auch ‘was: Hier können Sie politisch aktiv werden, indem Sie eine Online-Petition unterzeichnen (je mehr unterschreiben, desto besser):

http://www.generation-p.dgbj.org

bzw.

http://www.dgb-jugend.de/studium/meldungen/ europa_soll_praktikantengesetz_bekommen

(Und hier können Sie sehen, dass ich mich ebenfalls an der Petition beteiligt habe:

http://www.generation-p.dgbj.org/unterstutzerliste)

Weitere Informationen dazu:

http://www.bundestag.de/ausschuesse/a02/presse/pm_praktikum.pdf

http://www.generationpraktikum.de/ Generation-Praktikum/Navigation/aktuelles,did=166308.html

Bewerten Sie hier Ihr Praktikum und zeigen Sie anderen Praktikanten, wie es Ihnen ergangen ist:

http://www.karriere.de/psjuka/fn/juka/SH/0/sfn/buildjuka/ bt/2/cn/cn_prak_start/aktelem/PAGE_18/page1/ PAGE_334/page2/PAGE_18/site/PAGE_4/home/0/url//index.html

Weitere Bewertungsmöglichkeit bei der DGB-Jugend:

http://www2.dgb-jugend.de/studium/praktika/bewertung

Für mich als berufswahlberatender Pädagoge ist es auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen, den Praktikanten über seine Pflichten und Rechte aufzuklären und ihm bei der Suche nach einem qualitativ guten Platz Unterstützung zu gewähren und gegebenfalls daran zu arbeiten, überzogene Erwartungen auf ein realistisches Niveau (das im Einzelfall natürlich jeweils zu bestimmen wäre) herunterzuschrauben. Idealerweise hat sich die individuelle Anstrengung gelohnt, weil das Praktikum viele Einblicke ins Berufsleben gewährt (Lerncharakter!), abwechslungsreich gestaltet ist und wirklich zu einer Antwort beitragen kann: “Ist diese Tätigkeit etwas für mich oder nicht?”

Um nicht völlig ahnungslos ins Pratikum zu gehen, kann ich ich jedem nur raten, auch mal ein Blick ins Bundesbildungsgesetz (BBiG) zu werfen, das die Basis für die Rechte und Pflichten auch für Praktikantinnen und Praktikanten darstellt. Leider gibt es keine eindeutige Definition des Begriff des Praktikanten (vgl. SCHNEIDER; KÖNIG; RINECKER: 2006, S.38), sodass das Bundesarbeitsgericht (BAG) zu bemühen wäre. Allerdings reicht das Online-Archiv nur vier Jahre zurück, sodass ich hier eine weitere Quelle nennen möchte: http://www.fairwork-ev.de/cms/front_content.php?idcat=6

Die Autoren des Buches “Vom Praktikum zum Job” (Quelle: siehe unten) schlagen vor, nach der Praktikumsart-Bestimmung [Schülerpraktikum, Pflichtpraktikum im Studium, Praxissemester, freiwilliges Praktikum etc. (vgl. SCHNEIDER; KÖNIG; RINECKER: 2006, S.13)] sich besonders die Paragrafen §§ 10 bis 23 und 25 anzuschauen.

§§ 10 bis 25 regeln “organisatorische” Dinge, setzten also die Rahmenbedingungen (z. B.: Welche Kündigungsfristen gibt es? Wie hoch ist der Urlaubsanspruch? Welche Vergütung ist angemessen? Hinweise zur Erstellung von Praktikumsverträgen…) u. s. w. fest.

§ 25 erinnert: § 25 Unabdingbarkeit
Eine Vereinbarung, die zuungunsten Auszubildender von den Vorschriften dieses Teils des Gesetzes abweicht, ist nichtig.

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/bbig_2005/__25.html

[Eine Vereinbarung (Praktikumsvertrag) ist also NICHTIG (nicht gültig!), wenn sie Bestimmungen enthält, die den Auszubildenden benachteiligen (also nicht zu seinen Gunsten sind).]

Ich wünsche allen Praktikantinnen und Praktikanten ein erfolgreiches Praktikum, und hoffe, dass engagierte Betriebe auf ebenso engagierte Praktikanten stoßen.

Zum Schluss noch ein schöner Link der Sueddeutschen.de, die eine Kolumne “Mein Kollege sagt…” anbietet. Dort erfahren Sie auf humorvolle Weise, wie es manchmal in Betrieben so zugeht: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/kolumne/241/127040

Also, viel Erfolg und Spaß im Praktikum

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge (Dortmund)

Benutzte Quellen:

SCHNEIDER, Frank; KÖNIG, Bettina, RINECKER, Susanne:
Vom Praktikum zum Job.
Freiburg i. Br.: Rudolf Haufe Verlag, 2006.

STURMBERG, Jessica / WDR 5 (14.06.2005):
Generation Praktikum - wo bitte gibt es einen festen Job?

Hürdenlauf zum Hungerlohn?
Der Einstieg ins Berufsleben wird immer schwerer.
http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/manuskript/

050614_praktika_sturmberg.pdf

Mehr Schein als Sein im Vorstellungsgespräch?

Mittwoch, den 14. November 2007

Stellen Sie sich als Bewerber einmal vor, Sie wollten einen möglichst guten Eindruck im Vorstellungsgespräch hinterlassen. Wie ein guter Stempel die wichtigsten Informationen gut sichtbar auf ein weißes Blatt Papier abdruckt, so versuchen Sie, Ihre zentrale Botschaft dem Personaler zu vermitteln: Sie sind für diese Stelle der geeignetste Kandidat!

Ein schöner Stempel muss beispielsweise nicht nur gut in der Hand liegen, sondern sollte über eine klare Patrize verfügen, um mittels einer nicht-tropfenden Tinte entsprechendes Druck-Bild abzuliefern. Schlechte Stempel führen dazu, dass die Schrift verschmiert oder wegen der schlechten Tintenqualität verläuft. Manchmal verblasst ein Aufdruck schnell oder ist nur deswegen unlesbar, weil einzelne Buchstabensegmente von den Konturen her stark abgenutzt sind oder gar fehlen. Es gibt Stempel, die zu groß oder zu klein sind und für den Zweck völlig ungeeignet sind. In anderen Fällen wird die falsche Tintenfarbe benutzt oder es wird schlicht ein falscher Stempel genutzt. Es kann allerdings auch vorkommen, das der Stempel auf (zu) glatte oder raue Oberflächen gedrückt wird, sodass die Tinte nicht vom Material aufgesogen wird. Kurz, es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum ein Stempelbild missglücken kann, womit wir wieder beim Vorstellungsgespräch wären.

Natürlich sind Sie nicht der Stempel und der Personaler kein Blatt Papier. Jedoch vermittelt das Bild des Stempels, worum es in erster Linie geht:

Wichtig ist es, im Vorstellungsgespräch einen guten ersten Eindruck zu vermitteln!

Dabei müssen Sie Ihre “Werbe-Botschaft”:

Klar und deutlich,

sicher und souverän und

authentisch und lebendig formulieren können,

ohne zu unter- oder übertreiben.

Warum ist das eigentlich so entscheidend, wie man sich gut “verkaufen” kann?

Schon Freud wies darauf hin, dass menschliches Handeln stark vom Unbewussten geprägt wird. Wenn Menschen also einander begegnen, nehmen sie sich nicht nur objektiv, rational und vernunftsgesteuert wahr, sondern bewerten ihr Gegenüber beinahe automatisch und in der Regel unbewusst in z. B. “Freund” oder “Feind”.

Sie kennen diesen Effekt, wenn Sie sich das spontane Sitzverhalten im öffentlichen Nahverkehr vergegenwärtigen oder sich überlegen, nach welchen Kriterien Sie sich Ihre Freunde ausgesucht haben.

Auf das Äußere kommt es folglich erst einmal an, was sicher evolutionsbiologisch und von der Wahrnehmungspsychologie plausibel begründet werden kann. Inge Wolff schreibt in ihrem Ratgeber “Knigge im Job”, dass Personaler ihre Entscheidung, einen Bewerber zu nehmen oder abzulehnen, überwiegend (zu ca. 55 %) am äußeren Erscheinungsbild (Kleidung und Körpersprache) festmachen, dass Stimme und Mundart immerhin zu 38 % zu Buche schlagen und nur noch klägliche sieben Prozent davon abhängen, was die Bewerberin bzw. der Bewerber (inhaltlich im Vorstellungsgespräch) überhaupt sagt.

Konsequenz:

Auf der einen Seite kann sich ein Bewerber entlastet fühlen: Wer sich rhetorisch etwas ungeschickt anstellt, darf hoffen, durch sein äußeres (gepflegtes) Erscheinungsbild wieder an Boden zu gewinnen. Auch, wenn es möglicherweise unangenehm ist, zu akzeptieren, dass das Äußere einen derart hohen Stellenwert erhält, ist es doch nicht ohne Weiteres zu ändern. Daher muss die Frage also lauten, wie gehen Sie mit dieser Erkenntnis zukünftig um?

Vorerst muss natürlich davor gewarnt werden, dass es sich nicht so verhält, als wäre das Gesagte gänzlich irrelevant. Es wäre also fatal, unvorbereitet zu erscheinen und keine Argumente für die eigene Job-Tauglichkeit nennen zu können. Sie sollten aber gerade für die Vorbereitung eines Vorstellungsgespräch darauf achten, ihr Erscheinungsbild entsprechend anzupassen. Das ist schließlich die gute Seite der Medaille, dass Sie in der Lage sind, auch diese Dinge zu Ihren Gunsten zu beeinflussen!

Da helfen manchmal ganz einfache Tricks, die Sie anwenden können: Kleiden Sie sich “standesgemäß” bzw. dem Berufsbild angemessen. Banker, Kauf- oder Versicherungsleute tragen brav konservativ einen Anzug bzw. Kostüm, während Künstler und Kreative durchaus etwas greller und gestylter auftreten dürfen. Nutzen Sie die Stil- und Farbberatung über Freunde, oder noch besser: über Profis, um herauszufinden, welche Farben zu Ihnen passen. Doch die beste Beratung nutz Ihnen nichts, wenn Sie sich in Ihrer Kleidung unwohl fühlen. Übertreiben Sie es nicht und versuchen Sie nicht auf Biegen und Brechen, sich von jetzt auf gleich in ein Super-Modell zu verwandeln. Schließlich bleibt das dadurch verursachte Unwohlsein Ihrem Gegenüber nicht verborgen.

Gehen Sie es langsam an, probieren Sie vorher schon verschiedene Kleidungsstile aus. So haben Sie schon vorher nicht nur festgestellt, was gut an Ihnen aussieht, sondern auch, ob Sie sich selbst so mögen.

Da es kein “Bekleidungsfach” in der Schule gibt, müssen Sie versuchen, ihren persönlichen Stil selbst herauszufinden. Inzwischen gibt es reichlich Literatur und Einrichtungen, die nichts anderes tun, Sie dahingehend zu beraten. Doch seien Sie auf der Hut und lassen Sie sich nicht völlig manipulieren.

Wer Lust hat, zu diesem Thema mehr zu lesen, darf sich zum Abschluss dieses Blogeintrags auf folgende, unterschiedliche, z. T. sehr provokante Link-Tipps freuen, die zum weiteren Nachdenken und Diskussion anregen wollen:

Attraktiv und Attraktivität. Psychologie, Sozialpsychologie, Psychopathologie, Soziologie. Aus allgemeiner und integrativer Sicht. Quelle:

http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/attrak0.htm

“Fitness ist die Basis zum Erfolg.” Quelle:

http://www.abendblatt.de/daten/2005/08/27/475696.html

Größe macht das Gehalt. Quelle:

http://www.abendblatt.de/daten/2003/10/20/220247.html

Karriere schön und gut. Quelle:

http://www.rhetorik-online.de/e2633/e1219/pr_spiegel753/index_eng.html

Mit Kopftuch auf Jobsuche. Quelle:

http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2706282,00.html

Spieglein, Spieglein. Wer schön ist, macht Karriere. Quelle:

http://karrierebibel.de/spieglein-spieglein-wer-schoen-ist-macht-karriere

Wer schön ist, macht Karriere. Quelle:

http://www.wiwo.de/pswiwo/fn/ww2/sfn/

buildww/id/127/id/37018/SH/0/depot/0/index.html

Zur psycho-sozialen Bedeutung des Haarausfalls. Quelle:

http://www.haar-und-psychologie.de/haarausfall/psycho-soziale-bedeutung.html

Gruß,

Silvio Ströver, Dipl.-Pädagoge

Benutzte Literatur:

WOLFF, Inge: Knigge im Job. So machen Sie immer eine gute Figur.

München: Gräfe und Unzer Verlag GmbH, 2006.

S. 19 - 20.

Hamburger Studie: Jugendliche gar nicht so hilflos!

Mittwoch, den 1. August 2007

Jugendliche sind nach einer Studie mit dem Titel “Berufswahl in Hamburg 2006″ wesentlich aktiver in ihrer Berufswahl, als bisher angenommen, so “Einstieg Hamburg” am 10.02.2006. Sie suchen eigenverantwortlich und kompetent nach einem passenden Beruf. Lediglich ein Viertel der befragten Hamburger Jugendlichen benötigt etwas mehr Unterstützung von außen, wichtigste Stütze sind jedoch ansonsten die Eltern, Praktikaerfahrungen und die Schule. Einstieg Hamburg zitiert Dr. Alfred Lumpe mit den Worten:”An der Schwelle zum Wechsel von der Schule in Ausbildung oder Studium ist ein Übergangsmanagement auf hohem Niveau erkennbar…” (Quelle: http://www.einstieg-hamburg.de/2329.html)

Zusätzlich sei bei den Befragten Leistungsorientierung bei der Berufsfindung erkennbar, sodass andere Faktoren, wie Verdienstmöglichkeiten oder ähnliches wegfallen. Ein Drittel wünschten sich allerdings vorrangig geregelte Arbeitszeiten, was nicht gerade für Flexibilität steht.

Nachlesen können Sie dies auf der Webseite von Einstieg Hamburg: http://www.einstieg-hamburg.de/2329.html - Darüberhinaus finden Sie dort weiterführende Links zur Durchführung der Studie (Pdf) und die wichtigsten Ergebnisse der Studie in einer 63-seitigen herunterladbaren Pdf-Datei.

Für all diejenigen, die sich für eine Messe über Ausbildung, Job und Studium im Hamburger Raum interessieren, gibt es bereits einen wichtigen Termin für’s nächste Jahr: Am 22. & 23.02.2008 findet die nächste EINSTIEG Hamburg in der Halle A1 der Hamburg Messe statt. Schauen Sie einfach auf der Webseite von EINSTIEG nach, um einen Eindruck zu gewinnen, wie die bisherigen fünf EINSTIEGs-Messen verlaufen sind. Umfangreiche Berichte (z. B. Presse etc.) und weitere Dokumentationen scheinen den Erfolg dieser Messeveranstaltung, die bis nach Dortmund reicht, zu belegen.

Ein Grund mehr, sich mal genauer damit auseinanderzusetzen,

Gruß,

Silvio Ströver

Theodor Litt: Berufsbildung, Fachbildung & Menschenbildung

Sonntag, den 26. November 2006

(Copyright & Urheber-Rechte: Silvio Ströver)

Eine Ausarbeitung zum Bildungsverständnis von Theodor Litt:

Theodor Litt hat sich mehrmals zum Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung geäußert. Mehrere Schriften (“Naturwissenschaft und Menschenbildungâ€�, “Technisches Denken und menschliche Bildungâ€�, “Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitsweltâ€�, “Wissenschaft und Menschenbildung im Lichte des West-Ost-Gegensatzesâ€�) bezeugen sein Wirken in dieser Richtung. Das Besondere an Litts Leistung war stets, dass er es verstand, vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen. Denn Litt argumentierte oft prinzipiell, sodass seine Texte einen sehr allgemeinen Aussagewert besaßen. Doch konnte Litt zu gegebenen Anlässen immer konkrete Aussagen ableiten, so auch in diesem Kontext nach dem zweiten Weltkrieg, als ganz Deutschland um das Überleben kämpfte und es darauf ankam, so schnell wie möglich wieder eine funktionierende Wirtschaft herzustellen. Neben einer Rede, die Litt 1947 vor Berufsschullehrern gehalten hatte, trug er 1958 wissenschaftlichen Mitarbeitern einen weiteren Vortrag vor. Im gleichen Jahr fasste Litt beide Reden zu einem Buch zusammen, das den Titel „Berufsbildung, Fachbildung, Menschenbildung“ trug. Während die erste Rede die existentielle Notsituation Deutschlands betont und den klassischen Bildungsbegriff überwindet, so liest man in der zweiten Rede von Litts Appell, trotz des technischen Fortschritts nicht die Humanität zu vergessen. Trotz der unterschiedlichen Gewichtungen widersprechen sich die Texte nicht, sondern können ergänzend gelesen werden.

Litt setzt bei dem überholten Bildungsbegriff an, den er versucht, geschichtlich zu verstehen und mit der Gegenwart zu vergleichen. Dabei stellt Litt heraus, dass die klassische, ästhetisch-literarische Bildung nicht mehr mit der gegenwärtigen Lage übereinstimmt. Durch diese Feststellung distanzierte sich Litt zu den bislang geführten, traditionellen pädagogischen Diskursen, die seit dem 19. Jahrhundert fruchtlose Bildungsdebatten thematisierten. Litt versuchte, durch einen geschichtlichen Rückgriff, die ursprüngliche Intention und Funktion von Bildung herauszustellen. Zunächst stellte er dabei fest, dass zwei konträre Strömungen sich gegenüberstanden: der Humanismus zum Rationalismus. Nach Litt hat sich der Humanismus gegen die fortschreitende Technisierung und Arbeitsteilung gewandt, indem er das Menschliche gegen das Funktionieren des Menschen stellte. Humboldt sah die Lösung darin, dem Menschen eine humanistische Bildung zu ermöglichen, die es ihm erlaubten sollte, aufgrund der Menschenbildung sich gegen den technischen Fortschritt und seinen unmenschlichen Forderungen zu wehren. Nur durch die künstliche Isolierung, nichts mit weltlichen Angelegenheiten und Bedürfnissen tun zu haben, wurde solch eine Menschenbildung möglich. Somit wurde die Kunst, die Sprachen und die Mathematik aufgewertet und berufliche Bildung aus dem klassischen Bildungsverständnis ausgeschlossen. Die Gefahr sah man darin, dass berufliche Bildung immer bedeutet hätte, den industriellen und wirtschaftlichen, also unmenschlichen Bedürfnissen nachzugeben. Doch Litt stellte seiner Zeit heraus, dass dieses Bildungsverständnis auch sehr einseitig und von Nachteil war, da die elementaren bzw. existentiellen Bedürfnisse des Menschen völlig ignoriert und sogar abgelehnt wurden. Dies hatte zur Folge, Menschen unvorbereitet in die reale Welt zu schicken, deren vermittelten, klassischen Ideale der harten Realität nicht standhalten konnten. Nach Litt wäre es gefährlich, zu übersehen, dass auch die anstrengende Arbeit bzw. die harte Realität ein Gegenstand der Bildung sein müsste, da diese immer einen konkreten Lebensbezug beinhaltete. Litt bemerkte, dass der ursprüngliche Rationalismus noch nicht menschenfeindlich eingestellt war, da erst einmal nur die Natur unter dessen Einfluss stand. Später jedoch übertrug sich das technisierte Denken und Handeln auf den Menschen selbst und bedrohte ihn. Doch stellte Litt fest, dass die Naturwissenschaft nicht in der Lage war, die menschliche Entscheidungsfähigkeit ersetzen zu können, auch wenn Analyse-Zweck-Zusammenhänge Entscheidungshilfen sein konnten. Denn das, was den Menschen auszeichnete, war seine Entscheidungsvollmacht. Das Tragische an der naturwissenschaftlichen Haltung, nur nach Mittel und Nutzen zu fragen, war, den Menschen nur noch unter diesem Aspekt wahrzunehmen und ihn somit zu entmenschlichen. Denn auf diese Art wurde nur noch gesehen, wie der Mensch funktionierte und welchen Zweck er erfüllen konnte. Litts Fazit lautete demnach, dass die menschliche Ratio, seine hochgelobte Vernunft nichts weiter sein konnte, als ein Produkt des Rationalismus´, der alles Irrationale am Menschen wie z. B. Gefühle, Träume und Fantasien leugnete und abstritt. Daher sah Litt in seiner Zeit zunächst das Dilemma, keine angemessene Alternative zu sehen, da sowohl der unrealistische Humanismus als auch der menschenverachtende Rationalismus für sich alleine jeweils nicht wirkliche Bildung ermöglichen konnte. Denn das Problem war, dass beide Richtungen totale Extreme darstellten. Doch Litt sieht beide entgegengesetzte Strömungen im Wechselspiel miteinander vereint. Dies entspräche der menschlichen Natur, die ebenfalls widersprüchlich sei. Daher könnte man nicht nur eine Tendenz, wie z. B. nur die bloße Vernunft einseitig hervorheben, da das Unvernünftige, was den Menschen auch ausmacht, fehlen würde. Somit schloss Litt von der Anthropologie auf den Bildungsbegriff. Demnach wäre es falsch, nur konservative, traditionelle Bildungsinhalte, die nichts mehr mit der gegenwärtigen Realität zu tun hätten, hochzuhalten (klassische Bildung) noch die Gegenwart als einzigen Maßstab zu nehmen, nach dem eine dem wirtschaftlichem Denken untergeordnete Bildung das einzig Wahre sei. Litt geht aber nicht etwa soweit, beide Richtungen auszuschlagen, sondern erfasst beide gleichzeitig. Litt sieht nämlich in der Menschenbildung die Chance, die Technokratie in ihre Grenzen einzuweisen. Ihm ist es wichtig, dass sich der Mensch bewusst macht, dass er es ist, der als ganze Person entscheidet und entgegenwirken kann. Folglich ist der Mensch nicht länger ein von der Technik Abhängiger, sondern kann durch die Selbsterkenntnis seine Gewalt über die Technik wieder neu entdecken und sich gegen den Besitzansprüchen der Naturwissenschaft und Technik wehren. Daher fordert Litt, ständig wach zu bleiben und nicht zu vergessen, wer die eigentlichen Zügel in der Hand hält, nämlich der Mensch. Doch ist es dazu notwendig, dass der herangebildete Mensch sich seiner Handlungsfähigkeit und Entscheidungskompetenz durch die klassisch geprägte Menschenbildung bewusst wird.

Zusammengefasst hielt Litt fest, dass…

-… die künstliche Trennung zwischen der klassischen und modernen Welt nicht richtig sei, da so bestehende Postulate der einen oder anderen Seite nur noch bestärkt würden,

-… eine einseitige Sichtweise, entweder nur die Menschenbildung oder nur die Berufsbildung für wertvoll zu erachten, zur Unbildung führe,

-… der Mensch sich immer wieder an diese spannungsreiche Wechselbeziehung erinnern müsste

-… und dass nur der gebildet sei, der auch seine berufliche Tätigkeit als gesellschaftlich notwendig erkennen könnte.

Auf diese Weise kann gesagt werden, dass Litt in seinem Bildungsverständnis beide Aspekte, das berufsbildende als auch das allgemeinbildende Moment, zusammengeführt hatte, sodass Beides, wenn auch spannungsreich, eine Einheit bildete, die der gebildete Mensch zur Kenntnis nehmen und sich immer wieder dessen bewusst werden sollte.

Litt sieht in der Technisierung, die rasant zunimmt, die Ursache für die zunehmende Unfähigkeit der Pädagogik, professionell auf diese Situation zu reagieren. Es ist die Frage, wie z. B. die Schule ihre Schüler in der Gegenwart gut auf die sich verändernde Zukunft vorbereiten soll. Dabei stellt Litt fest, dass im Ausland das Problem der Fachbildung im Verhältnis zur Menschenbildung weniger dramatisch gewichtet wird als in Deutschland. Während die Fachbildung woanders als Zusatz bzw. als Ergänzung zur Menschenbildung gesehen wird, sehen die Deutschen in diesen Bildungsbegriffen ein Gegensatzpaar. Als extremes Beispiel führt Litt den Kommunismus an, der etwa nicht bloß keinen Unterschied zwischen Fach- und Menschenbildung macht, sondern im Gegenteil nur im Spezialisten den vollkommenen Menschen sieht. Nur, wenn die Fachbildung unter kapitalistischen Gesichtspunkten geschehe, hieße das nach dem Kommunismus, den Menschen auszubeuten.

Im Rückgriff auf die Geschichte stellt Litt heraus, dass die Polarisation von „Fachbildung“ und „Menschenbildung“ von Wilhelm von Humboldt stammt. Im humanistischen Verständnis ist derjenige gebildet, der individuell, universal und total gebildet ist. Die humanistische Auffassung lautet, den Menschen aus seiner Zerrissenheit und Sinnlosigkeit herauszuholen, indem die Ursache dafür, die in der Arbeitsteilung zu finden ist (Fachbildung!), bekämpft wird. D. h., gerade in der fachlich spezialisierten Bildung sahen die humanistischen Philosophen und Pädagogen die Gefahr der menschlichen Entfremdung. Insofern kann geschlussfolgert werden, dass die Fachbildung sich gegen die Menschenbildung bzw. gegen das Menschliche richtet und sich deshalb als einen der Menschenbildung entgegengesetzten Begriff auffassen lässt.

Litt betont, dass dieser Dualismus zwischen der Arbeits- und Bildungswelt zur Folge hatte, dass unter klassischer Bildung das Ästhetisch-Literarische, in der Arbeitswelt das Praktisch-Anwendbare (das Nützliche) verstanden wurde. Eine Ursache liegt nach Litt darin, dass das (Bildungs-) Bürgertum keine Möglichkeit besaß, sich an der Politik zu beteiligen. Aufgrund dessen bemühte man sich ersatzweise um ein eigenes Feld, das von keinem Vorgesetzten angetastet werden konnte, und zwar das Feld der Bildung, die sich aber ins Ideal bzw. ins Ästhetisch-Literarische erstreckte. Auch wenn sich das aufstrebende Bürgertum auf diese Weise auch gesellschaftlich allmählich etablierte und sich weiterentwickeln konnte, entfernte es sich ständig von der arbeitsteiligen Wirklichkeit, die eine praktische Ausbildung erforderte und die musisch-kreative Bildung ablehnte. Dass es in Deutschland solch schwere Diskussionen um Bildungsfragen gegeben hat und dass der Abstand zwischen der pädagogischen Doktrin und der gesellschaftlich-ökonomischen Realität immer größer wurde, begründet Litt damit, dass die Träger der deutschen Klassik zu dieser Einseitigkeit mit dazu beigetragen hatten.

Litt beobachtet also, dass sich eine künstliche und falsche Trennung zwischen Theorie und Praxis bzw. zwischen der Empirie (Naturwissenschaft, Mathematik, …) und der Geisteswissenschaften (Philosophie, Pädagogik, …) geschichtlich entwickelt hat, wobei nicht auszudenken ist, dass diese Entwicklung als ein „Fehltritt“ zu bewerten sei. Die Geschichte zeigt jedoch, dass zunächst Fachbildung und Menschenbildung als Einheit gesehen wurde (17. Jhr.: „Rationalisierung als Vollendung der Humanität“). Erst im späteren Verlauf übertrug man das technische Mittel-Nutzen-Denken in das menschliche Zweck-Denken, sodass in menschlichen Entscheidungsfragen nun die Betonung auf Fragen gelegt wurde, die sich eher nach der Effizienz bzw. nach dem Nutzen (dem Mittel, der Sache) richteten. Die Folge dieses Denkens war, dass zum Schluss der Gebildete praktisch „nichts mehr konnte“, da er so gebildet wurde, alles Praktische abzulehnen und geringzuschätzen. Die klassische Bildung war demnach an ihre Grenzen gestoßen, da doch die ursprünglich humanistische Idee, mit der ratio (Vernunft als Teil des „Sachverstands“) auch den Menschen zu bilden, durch die Aufwertung der Mathematik schnell aufgegeben wurde, um sich gegen die Technisierung abzugrenzen. So entwickelten sich beide Seiten immer weiter auseinander, bis der Zustand erreicht wurde, dass die Vertreter der Naturwissenschaften genauso wenig von den Geisteswissenschaften verstanden, wie es auch umgekehrt der Fall war. Litt sieht Deutschland nun in dieser Situation. Die genannte Forderung der Wirtschaft, nicht nur fachlich gebildete („Fachidioten“), sondern auch „persönlich“ gebildete Menschen zu erziehen zeigt deutlich, dass Bildung wieder einen Zusammenhang zwischen Fach- und Menschenbildung herstellen muss. Konkreter gesagt ist Menschenbildung ohne Fachbildung bzw. auch in umgekehrter Weise nicht möglich. Litt begründet das damit, dass der Mensch sich in der Auseinandersetzung mit der Sache persönlich verändert und deswegen das Naturwissenschaftlich-Empirische nicht bloß wie ein totes den Menschen nicht beeinflussendes Werkzeug zu betrachten sei, sondern dass das Praktisch-Sachliche eng mit der Menschenbildung zusammenhängt. Die Empirie ist jedoch nur die Aufklärung über vorhandene Möglichkeiten und Mittel, doch die Sozialwissenschaften helfen, menschliche, ethische Entscheidungshilfen zu fällen. Daher kann die Fachbildung nicht von der Menschenbildung getrennt werden. Es ist wichtig, dass die konkrete Naturwissenschaft und die Empirie wieder so betrieben wird, dass auch das allgemein Abstrakte berücksichtigt wird bzw., dass die Geisteswissenschaften wieder lernen, das Konkret-Praktische, aus dem Leben-stammende wieder zu berücksichtigen. Erst wenn diese Trennung überwunden wird, so kann auch die gegenseitige Abwertung ausbleiben, damit wieder ganzheitliche Bildung, die sowohl das Fachliche als auch das Menschliche gleichermaßen miteinbezieht, Raum gewinnt. Um zu vermeiden, dass man wieder einseitig denkt und handelt, bedarf es nach Litt der „Wachsamkeit“. Durch diese Wachsamkeit reflektiert der Mensch darüber, ob seine (zweckdienlichen, subjektiven) Entscheidungen noch zweckbestimmt (subjektiv) sind oder ob seine Entscheidungen nur sachlicher Natur sind. D. h., dass der Mensch immer darauf achten muss, ob er sich der Sache zum „Sklaven“ macht, indem er sich von den Dingen, die eine Eigenlogik und -Macht besitzen, „verführen“ lässt.

Nur stellt sich mir die Frage:

Wer kontrolliert den Kontrolleur?

Wer kann garantieren, dass der Mensch wachsam bleibt?

Natürlich wäre es aus unserer Sicht nicht wünschenswert, wenn jemand eine Person in der Hinsicht kontrollieren würde, da dies selbst schon wieder unethisch wäre.

Zudem würde sich die weitere Frage stellen, wer den kontrollierenden Kontrolleur kontrolliert.

Es zeigt sich, dass diese Spannung bzw. diese Ungewissheit grundsätzlich menschlich ist und demnach auszuhalten ist (Grenzen der Pädagogik).

Silvio Ströver

Literatur:

LITT, Theodor: Berufsbildung, Fachbildung, Menschenbildung. In: REBLE, Albert: Theodor Litt:Pädagogische Schriften. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 1995. S. 89- 148.

MENZE, Clemenz:Berufsbildung und Allgemeinbildung. In: NICOLIN, Friedhelm; WEHLE, Gerhard (Hrsg.): Theodor Litt: Pädagogische Analysen zu seinem Werk. Bad Heilbrunn / Obb.: Verlag Julius Klinkhardt, 1982. S. 66-84.

LITT, Theodor: 4. Fachbildung und Menschenbildung (1958). In: REBLE, Albert: Theodor Litt Pädagogische Schriften. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 1995. S. 118-148.